Marlis Albrecht – Tableaux vivants

„Wachs ist für mich das Material, um Geschichten über das Mensch-Sein zu erzählen. Dabei geht es mir nicht um konkrete Menschen, in konkreten Räumen, sondern um das, was mit den Menschen passiert – ich nenne es das In-Beziehung-Treten.“                     

Die Gemälde von Marlis Albrecht lassen sich nicht den klassischen fünf Gattungen der Malerei: Porträt-, Genre-, Landschafts-, Historienmalerei und Stillleben zuordnen. Die 1956 in Ludwigsburg geborene Künstlerin arbeitet mit dem natürlichen Material Bienenwachs und schafft Gemälde, die den ganzen Menschen in den Fokus ihrer künstlerischen Aufmerksamkeit stellen. Dabei orientieren sich die Abbildungen der Figuren nicht an einer ganz bestimmten Person mit all ihren Eigenheiten, vielmehr sind ihre Arbeiten als wesenhafte, lebende Bilder – als moderne Tableaux vivants zu verstehen. Diese stellen inszenierte Momente dar. Die Tableaux vivants des 19. und 20. Jahrhunderts zeigten Episoden aus dem Berufsleben der Menschen und ihrer historischen Vergangenheit. Sie sorgten im Theater, bei höfischen und bürgerlichen Festen für einen Augenschmaus, der große Freude beim Publikum auslöste.[1] Das Phänomen des lebendigen Bildes lässt sich auch bei den Walking Acts oder Living Mannequins, die noch heute als Straßenkünstler in Erscheinung treten, beobachten. In schräger Verkleidung, zum Beispiel als Mumie, Straßenlaterne oder Clowns, sitzen oder stehen sie oft stundenlang ganz still und verweilen geduldig in einer Position. Als unerwartetes Element im öffentlichen Raum verzaubern und begeistern sie das Publikum. Als Phänomen des lebendigen Bildes überraschen sie mit Mimik, Gestik und Kontaktaufnahme die vorbei laufenden Passanten und reißen sie aus ihrem Alltagstrott heraus. Auch die Künstlerin Marlis Albrecht schwört in ihren Arbeiten solche ungewöhnlichen, merkwürdigen, lasziv-lüsternen, provozierenden, kapriziösen Szenerien, in denen sich ihre gemalten Charakterköpfe bewegen, herauf. Imaginative Figuren anstelle von lebenden Akteuren. Die Physiognomie ihrer Gestalten ist typisiert und einzigartig. Die Extremitäten der schlanken, großen Figuren sind überlängt. Dieses Phänomen trat schon mit dem Manierismus auf. Die ausdrucksstarken Gesichter mit den feinen Gesichtszügen haben eine stark verkürzte Stirn und ein langes Mittelgesicht. Ihre Mimik ist sensibel ausdifferenziert. Die Augen der Figuren sind wach, sie suchen gezielt den Blickkontakt mit dem Betrachter. Der Blick der Figuren scheint aus weiter Ferne zu kommen, aus einer Traumwelt, die eine Sogwirkung auf den Betrachter ausübt und ihn in das Bild hineinzieht. Durch die Seherfahrung erfährt der Rezipient Dinge über sich selbst, die unerwartet zum Vorschein kommen, wie etwa nicht ausformulierte Gedanken, unterdrückte Gefühle und intime Seelenbilder. Das Hauptaugenmerk der Gemälde von Marlis Albrecht liegt auf der Darstellung emotionaler Stimmungen. Die Figuren wandeln in ungewohnten Tätigkeiten alleine oder in Gruppen durch die bunten Farbräume. Die starken präsenten Figuren sind widersprüchlich in einen unkonkreten Raum gesetzt, der nur als Farbfläche, als Hintergrund der Szenerien fungiert. Bewusst setzen die Figuren den Betrachter als Zeuge ihrer verrückten Interaktionen ein, wie zum Beispiel „ein Blümchen in den Wind zu hängen“, zeigt. Die Gruppenbilder offenbaren Unsichtbares: Eine im Raum schwebende Atmosphäre, die sich zwischen Menschen abspielt und die unterschiedlichsten Dinge beinhalten kann. Mit jedem Gemälde versucht Marlis Albrecht das Unsagbare, Ungreifbare, Geheimnisumwobene, das „es ist so, aber auch anders“ einzufangen. „Das Dazwischen“ interessiert die Künstlerin: „Ich lote Gegensätzliches aus; wo das Bild auf den ersten Blick klar und überschaubar erscheint, eröffnen sich beim genaueren Hinsehen versteckte Mehrdeutigkeiten, Fragen, Abgründiges.“ Die angedeutete Vielschichtigkeit des Seins  spiegelt sich auch in der Verwendung des Wachses wieder: Es ist durchsichtig, leicht, dicht, unbeständig und wandelbar zugleich. Es verkörpert die Diversität des Lebens. So ist das Wachs für die Künstlerin nicht nur Werkstoff, sondern „es transportiert Inhalte“. Marlis Albrecht färbt das Wachs mit reinen Pigmenten ein und trägt es auf Holzplatten auf. Während des langwierigen Schaffensprozesses werden die Wachsplatten schichtweise übereinander gelegt, um eine dichte Fläche zu bilden. Durch Prozesse des Wegnehmens - Einritzen, Wegschaben und Abkratzen - wird verborgenes Wachsgewebe zurück an die Oberfläche gebracht. Der entschleunigte Entstehungsprozess soll einen "Malgrund mit Geschichte" erzeugen, „analog zu menschlichen Seelenschichten.“ Das Wachs ruft eine ganz eigene, sämige Wirkung ihrer Bilder hervor. Die Übergänge von den Figuren zu dem farbigen Hintergrund sind sanft und fließend. Ein Unikum ihrer Arbeiten ist der Duft der Wachsgemälde. Dieser ermöglicht ein sinnliches, stimmungsvolles Erlebnis. In der kunsthistorischen Tradition stellt die Malerin mit der ausschließlichen Verwendung von Wachsen eine Ausnahme dar. Nur wenige Künstler, wie zum Beispiel Jasper Johns arbeiten mit dem natürlichen Rohstoff. Die Verblüffung auf verschiedenen Ebenen führt die Künstlerin mit ihren semantisch aufgeladenen, humorvoll-schöpferischen Wortkreationen fort. Wie zum Beispiel der Titel des Gemäldes „Frieda lässt ihr blaues Band…“ zeigt. Der Titel ist an den ersten Vers von Eduard Mörikes Gedicht „Frühling“ angelehnt und spielt mit dem kulturellen Allgemeingut. Anders als das, den Frühling einläutende Gedicht drückt das Gemälde das erotische Erwachen der Frühlingsgefühle aus. Auch in anderen Arbeiten finden sich Rekurse auf Werke von Dichtern, Denkern und Malerkollegen, wie etwa Vermeer.

Die Einzelausstellung von Marlis Albrecht wird ergänzt mit den skulpturalen Arbeiten von Claus Staudt, der von der Zeichnung aus denkt und arbeitet. „Von einem Bild in fragmentarischer Erzählung, von einer intuitiven Zerstückelung, einer Fluchtbewegung vor der allgemein angenommenen Wirklichkeit.“ Der Künstler greift auf benutzte Materialien zurück, als Antwort auf den heutigen Konsum in der Welt. „Ich liebe das Holz als gebrauchtes Ding, das seinen Dienst getan hat, das weggeworfen mir die Spuren seiner Geschichte und der Menschen zeigt.“ Mit der Hinterfragung der Wirklichkeit, der Infrage-Stellung von Objektivität und dem malerischen bzw. bildhauerischen Sichtbarmachen von Gefühlen, weist die Arbeit von Claus Staudt und Marlis Albrecht eine große Parallelität auf.

Lilith Höger


 

[1] Hack-Molitor 2012, Marlis Albrecht. Tableaux vivants in Wachs, S.4.