MARTIN EMSCHERMANN (Palermo, Italien)

 

Martin Emschermann ist 1969 in Freiburg geboren. Er lebt und arbeitet seit 1990 in Italien. Zunächst in Perugia und Carrara, wo er die Kunstakademie besucht, schließlich ist er seit 1997 in Palermo auf Sizilien als freischaffender Bildhauer tätig.

Der Bildhauer Martin Emschermann beschäftigt sich in seinen Skulpturen mit dem Entstehungsprozeß künstlerischem Schaffens,  das Resultat der Arbeit ist zweitrangig.

Die ausgestellten Bronzen sind Teil des Archivs von Martin Emschermann und eine Auswahl seiner Arbeiten der letzten fünf Jahren.

Der Künstler hat sich im letzten Jahr in Palermo eine eigene Kunstgiesserei aufgebaut und konnte die Figuren, in dem aufwändigen Wachsausschmelzungsverfahren realisieren.

Die Ausstellung ist aus vier verschiedenen Skulpturengruppen zusammengesetzt:

Die Stelen von etwa fünfzig Zentimeter Höhe bilden die erste Gruppe. Die ausgestellten acht Werke sind Teil einer umfangreichen Serie mit dem Titel (ital.) Cuntisti (Erzähler). Ausgangspunkt waren die primitiven Grabstelen von der archäologischen Fundstätte Selinunte auf Sizilien, die hauptsächlich im 7. vorchristlichen Jahrhundert besiedelt war. Martin Emschermann gestaltete daraus hervorgehend antropomorphe Wandstelen, die über ihren Herkunftsort Sizilien aus längst vergessener Zeit erzählen.

Die zweite Gruppe setzt sich aus stehenden etwa fünfunddreißig Zentimeter hohen Figuren zusammen aus der Serie (ital.)„ E´ Pupo o Santo“ ( Puppe oder Heiliger)

Hier bringt der Künstler die Charaktere der Nachbarn und der ihn umgebenden Personen im Stadtteil „Capo“ der Stadt Palermo zum Ausdruck. Oft fragen ihn die Nachbarn, wenn sie ihn bei der Arbeit sehen: Ma chè santo è? ( Welchen Heiligen machst du da?). So bekam die zunächst profane und genaue Wahrnehmung seiner Umgebung schließlich überwiegend sakralen Charakter. Dies ermöglicht in der künstlerischen Arbeit ein Spiel in der Charakterisierung der Personen.

Radförmige Pferdefiguren bilden eine dritte Skulpturengruppe. Sie haben einen sichtbar symbolischen Charakter und streben nicht nach Realismus, sondern nach der Darstellung einer klaren Form von Vitalität. Eine Variation dieser Auseinandersetzung bildet die Maternitas-Darstellung: tragend und selbst getragen.

Die letzte Skulpturengruppe zeigt eine Auswahl an Mädchendarstellungen. Sitzend, schlafend und stehend. Die Arbeiten überzeugen durch einen Realismus, der durch eine gewisse Unschärfe Lebendigkeit erhält. Die Werke erinnern in Beobachtung und Ausdruck entfernt an den großen französischen Impressionisten Edgar Dégas, etwa  La Petite Danseuse de Quatorze Ans (frz.:„kleine 14 Jahre alte Tänzerin“) aus dem Jahr 1922, Original um 1880.

Martin Emschermanns Arbeiten muten manchmal an wie Relikte aus dem Mittelalter, etwa romanische Skulpturen oder archäologische Artefakte längst untergegangener Kulturen, die widrigen Umständen zum Trotz glücklicherweise erhalten geblieben sind. Aber Martin Emschermann ist kein bloßer Epigone. In seinem Werk zeigt der Künstler zwar ein großes Interesse an der Vergangenheit und einer daraus hervorgehenden Vielfalt an Ausdruckskraft, dahinter verbirgt sich jedoch das Interesse an der Person und ihrer eigenen Geschichte.